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Wer war Walter Krienitz?
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Wissenschaftlicher Hintergrund

Im Dezember 2005 wurden die beiden australischen Wissenschaftler Marshall und Warren für die Entdeckung von Helicobacter pylori mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Es bedurfte nur eines einfachen Lichtmikroskops, um diese bahnbrechende Beschreibung zu machen, die ein scheinbar unumstößliches Dogma, das des sterilen Magens, ablöste. Zweifelsohne kann der sich aus dieser Entdeckung gewonnene Nutzen für Millionen von Menschen kaum abgeschätzt werden. So können heute die peptische Ulkuserkrankung oder das MALT-Lymphom des Magens durch eine einfache Therapie in vielen Fällen geheilt werden. Auch mit Blick auf die Prävention des Magenkarzinoms ergeben sich durch die Behandlung der Helicobacter-pylori-Infektion weitere große Herausforderungen.

Wie steinig der Weg der Entdeckung von Helicobacter pylori war, verdeutlicht die Tatsache, dass bereits lange vor der Beschreibung von Marshall und Warren Wissenschaftler auf die Existenz von Bakterien im Magen hingewiesen haben. Eine der Erstbeschreibungen von Bakterien im Magen geht auf den Halberstädter Arzt Dr. Walter Krienitz zurück. Er veröffentlichte 1906 in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift eine Arbeit, in der er über spiralförmige Bakterien im Mageninhalt eines Patienten mit Magenkarzinom berichtete. Für eine Deutung seiner Beobachtung war die Zeit damals noch nicht "reif". Es ist erstaunlich und zeugt von wissenschaftlichem Weitblick, dass die Deutsche Medizinische Wochenschrift vor 100 Jahren einen Beitrag publizierte, bei dem erst viel später erkennbar wurde, welche wissenschaftliche Brisanz in seiner Thematik steckt. Über das Leben und Schaffen von Walter Krienitz ist in der medizingeschichtlichen Literatur sowie in der deutschen und internationalen Ärzteschaft fast nichts bekannt. Es ist uns deshalb ein besonderes Anliegen, seine Biographie zu beleuchten und seine wissenschaftliche Leistung zu würdigen. Gleichzeitig möchten wir auf die gesellschaftspolitische Bedeutung einer raschen und adäquaten Würdigung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse hinweisen.


Leben und Schaffen von Walter Krienitz

David Carl Walter Krienitz wurde am 6. November 1876 in Halberstadt - im nördlichen Harzvorland - als Sohn des Zimmermeisters Rudolph Krienitz und seiner Ehefrau Margarete geboren. Er verbrachte eine glückliche Kindheit. Sein Großvater Carl Julius Krienitz war Mitglied des Magistrats und Hauptmann der Bürgerwehr Halberstadts.

Walter Krienitz besuchte in seiner Geburtsstadt das Domgymnasium bis zum Abitur 1896. Im Sommersemester 1896 immatrikulierte er sich zunächst für die Fachrichtung Hochbau in Hannover, begann dann aber ein Medizinstudium im Wintersemester 1896/97 an der Universität Würzburg. Im Wintersemester 1898/99 war Walter Krienitz an der Berliner Universität immatrikuliert und stellte sich in diesem halben Jahr in Potsdam seiner militärischen Dienstpflicht. Seine Lehrer waren die Professoren Fick, Boveri und Röntgen. Im Mai 1899 bestand Walter Krienitz das Physikum an der Universität Halle/Saale, wo er von den Professoren von Hippel und Roux ausgebildet wurde. Am 04. April 1902 erlangte Walter Krienitz die Approbation als Arzt. 1903 promovierte er in Halle/Saale über "Einen Fall von Adenom der Lunge". Bereits in dieser Dissertation werden seine Fähigkeiten zur genauen Beobachtung und exakten Beschreibung pathohistologischer Veränderungen offenkundig.

1906 erfolgte im Alter von 30 Jahren die Eheschließung mit Frau Marianne Finger aus Zörbig. Im gleichen Jahr veröffentlichte er seine oben erwähnte Arbeit mit dem Titel "Ueber das Auftreten von Spirochäten verschiedener Form im Mageninhalt bei Carcinoma ventriculi". Krienitz berichtete dabei über "zarte, an den Enden spitz auslaufende" Bakterien im Magen. Anhand der unterschiedlichen Zahl (3 bis 19) und Verläufe der Windungen bildete er 3 verschiedene Gruppen. Ob die beobachteten Bakterien tatsächlich – wie von ihm vermutet - Spirochäten im Rahmen der venerischen Erkrankung Lues entsprachen, oder ob es sich um eine der Erstbeschreibungen von Helicobacter heilmannii handelte, auf welche die detaillierte Beschreibung relativ gut zutrifft, bleibt offen. Von 1906 bis 1928 war Herr Krienitz – der als einer der ersten Ärzte Deutschlands die Facharztwürde für Innere Medizin erhielt - in einer Privatklinik für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten in Halberstadt tätig. Er war bekannt für seine gute Diagnose. Zu seinen Patienten zählten auch Grafen aus der Umgebung. 1912 wurde er durch ein Patent von Kaiser Wilhelm II. zum Stabsarzt der Landwehr ernannt. Ein Jahr später erfolgte eine weitere Veröffentlichung, diesmal mit dem Titel "Zur Erleichterung der Ernährung bei Oesophaguscarcinom". Die in der damaligen Zeit auch im Ausland bestehende Resonanz seiner Publikationen wird dadurch bestätigt, dass er im August 1913 eine Anfrage bezüglich eines Sonderdruckes vom "College of Medicine and Surgery" der Universität Minnesota erhielt. Im 1. Weltkrieg diente Walter Krienitz im 2. Garderegiment zu Fuß in Frankreich und in Mazedonien. 1916 kehrte er aufgrund einer Schußverletzung von der Front nach Halberstadt zurück. Dort hatte er in den letzten Kriegsjahren neben seiner Privatklinik zusätzlich 3 Lazarette und eine Malariastation alleine zu versorgen.

Walter Krienitz war ein lebenslustiger und geselliger Mensch mit vielfältigen Interessen. Er hatte eine Vorliebe für Wein, sammelte Briefmarken und Münzen, wanderte und las gerne. Mitte der 20iger Jahre erkrankte er an einer schweren Enzephalitis, vermutlich im Gefolge der sogenannten spanischen Grippe (Encephalitis lethargica). Aufgrund einer zunehmenden rechtsseitigen Hemiplegie musste er seine ärztliche Tätigkeit 1928 beenden. Dr. Walter Krienitz starb am 14.11.1943. Er wurde zusammen mit seiner Ehefrau Marianne, die zwei Tage später verschied, im Familiengrab auf dem Friedhof Halberstadt beigesetzt. Seine Nachfahren leben heute an verschiedenen Orten Deutschlands, in Halberstadt selbst gibt es keine Nachkommen mehr.


Gesellschaftspolitische Bemerkung

Gegenwärtig wird in Deutschland viel über die stagnierende Wirtschaft und die hohe Arbeitslosigkeit diskutiert. Der Staat befindet sich in einer schwierigen finanziellen Notlage, die sozialen Sicherungssysteme drohen aus dem Gleichgewicht zu geraten. Immer wieder wird der Ruf nach Flexibilisierung und Bürokratieabbau laut. Die Geschichte der Entdeckung von Helicobacter pylori und anderer Magenbakterien verdeutlicht sehr eindrucksvoll die bestehende Schwierigkeit, vorgefertigte Meinungen durch neue Erkenntnisse zu revidieren, die Ursachen dafür sind sicherlich vielschichtig. Ziel einer modernen Politik sollte es daher auch sein, die Wissenschaftslandschaft so zu gestalten, dass neue Entdeckungen möglichst rasch dem Wohle der Allgemeinheit zu Gute kommen. Wie viele Menschenleben hätten gerettet werden können und wie viele Untersuchungen bzw. Operationen hätten eingespart werden können, wenn Helicobacter pylori bereits Jahrzehnte vorher wahrgenommen worden wäre? Die Erinnerung an Leistungen längst verstorbener Wissenschaftler hilft uns, Probleme aus der Vergangenheit in der Zukunft nicht zu wiederholen.



Danksagung

Wir danken ganz herzlich den Enkelkindern von Dr. Walter Krienitz, Renate Chotjewitz-Häfner, Cornelia Häfner sowie Otto Häfner, für die außergewöhnlich freundliche und umfangreiche Hilfe bei der Recherche der biografischen Daten und für das Überlassen der in Privatbesitz befindlichen Fotos. Ohne ihre Mitarbeit wären die Daten zum Leben von Herrn Krienitz für die Nachwelt verlorengegangen.




















Walter Krienitz und seine Ehefrau.












































Die Beschreibung von Walter Krienitz (aus Dtsch Med Wochenschr 1906; 32: 872).






















Die Privatklinik von Walter Krienitz in Halberstadt.


Publikationen über Walter Krienitz:

Rickes S. Über "Walter Krienitz". Deutsches Ärzteblatt 2006; 103: A468-A469.

Rickes S, Schultze U, Mönkemüller K, Malfertheiner P. Der Halberstädter Arzt Dr. Walter Krienitz – Die Biographie eines Wegbereiters der Magenbakteriologie. Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 2006; 17 (Heft 6): 45-46.

Rickes S, Schultze U, Mönkemüller K, Malfertheiner P. Walter Krienitz – Sein Leben und seine intuitive Beschreibung von Bakterien im Magen. Dtsch Med Wochenschr 2006; 131: 1341-1343.

Rickes S, Schultze U, Mönkemüller K. Malfertheiner P. The German physician Walter Krienitz: A pioneer in gastric research. Scand J Gastroenterol 2007; 42: 663-664.


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Copyright © Juni 2008 Prof. Dr. Steffen Rickes
Stand: 11.2.2016